«So etwas wie Völkerball»
Der Berner Weiler Riedbach ist ein Mekka für Anhänger der Extremsportart Paintball
Sie beschiessen sich gegenseitig mit Gelatinekugeln und scheinen den Häuserkampf zu trainieren – doch die Paintball-Spieler, die sich am Wochenende in Bern trafen, betonen das Kollegiale und sind mitunter Militärdienstverweigerer.
Die martialische Szenerie bedient viele Klischees: Unerbittlich schiessen die Spieler in Richtung ihrer Gegner, rennen vom einen aufblasbaren Hindernis zum nächsten, werfen sich zu Boden und robben sich weiter nach vorne. Am Rand des Spielfelds, hinter dem schützenden Netz, stehen die «Coaches» der Mannschaften und schreien ihren Spielern pausenlos Anweisungen zu. Die mit Druckluft aus den «Markierern» abgeschossenen Kugeln prallen zu Hunderten auf die Hindernisse und platzen – auch die Zuschauer sind vor den Farbspritzern nicht sicher.
Nervenkitzel ohne Tarnanzug
Innert Minutenfrist werden alle fünf Spieler der einen Mannschaft getroffen und müssen sich aus dem Spiel zurückziehen – das Team Consilium Dei (göttlicher Rat) gewinnt den vierten Punkt und damit die Partie. Teammitglied Christof Wüthrich, Organisator des dreitägigen Übungsturniers im Berner Weiler Riedbach, kommt schwitzend vom Spielfeld. Der Langnauer betreibt in Baar im Kanton Zug einen Paintball-Laden und belegt mit seiner Mannschaft zurzeit den fünften Platz in der europäischen Paintball-Liga. Action und Nervenkitzel gehören dazu, sagt der 34-jährige – stellt sogleich aber klar: Mit Kriegsspielen und Tarnanzügen habe Paintball nichts zu tun. Man trage farbige Mannschaftstrikots und «wir wollen gar nicht, dass unsere ,Markierer‘ wie Waffen aussehen» – solches, erklärt Wüthrich, sei eher bei der verwandten Sportart Gotcha zu finden, die im Wald gespielt wird (siehe Kasten unten). Dazu komme, dass beim Paintball die Taktik wichtig sei: So bespreche die Mannschaft jeweils im Voraus die Pläne der Spielfelder.
Jeden Donnerstag ins Training
Das Spielfeld in Riedbach liegt malerisch zwischen den Anhöhen von Frauenkappelen und Oberbottigen und wird von abgeernteten Feldern und einer Landwirtschaftshalle gesäumt – ein Bauer stellt das 1800 Quadratmeter grosse Feld zur Verfügung. Ein Spieler, der jeden Donnerstag mit Jugendlichen auf dem Landstück trainiert, erklärt, Paintball sei «so etwas wie Völkerball»: Körperkontakt sei absolut verboten, und es gehe nicht darum, jemanden zu erschiessen, sondern ums Spiel. Denn im Gegensatz zu blutigen Computerspielen spüre man beim Paintball die Treffer – er verweist auf einen blauvioletten Fleck auf seinem Arm – und schiesse deshalb nicht blind drauflos.
Ein teurer und frauenarmer Spass
Die acht Mannschaften, die sich dieses Mal in Riedbach messen, kommen aus Deutschland, Frankreich und aus der Schweiz. Die Männer, zwischen 20 und 40 Jahren alt mit schlaksiger bis stämmiger Statur, sind laut Wüthrich bunt gemischt: «Arbeitslose, Studenten, Geschäftsführer». Rarer sind hier die Frauen: In der Schweiz gibt es nur eine Handvoll Paintball-Spielerinnen. «Es ist schwierig, eine Frau zu finden, die das mitmacht», sagt auch der Deutsche Frank Roehnke. Zudem kämen die hohen Kosten für den Sport: Jedes Wochenende teure Farbkugeln, lange Anfahrtswege – nach Bern «nur» 400 Kilometer – und Hotelübernachtungen. Paintball sei kein «simuliertes Töten», sondern müsse Spass machen. Auch sein Kollege und Landsmann betont, das Sozialleben sei für die Paintballer wichtig. Fragen nach dem Ruf von Paintball kontern die beiden gelassen: Es gehe zivilisierter zu und her als in der Fussball-Regionalliga – «und», sagt der eine, «ich bin Kriegsdienstverweigerer.» «Ich war auch nicht in diesem Verein», fügt Roehnke an.
Als PDF mit einen Bild
http://194.209.226.170/pdfdata/bund/2007/08/27/BVBU-021-2708-2.pdf


