Kriegsspiel oder Funsport? Eine Urteilsfindung über Paintball.
Gil Bieler
«Sport kann Menschen zusammenbringen.» Adolf Ogi, der Uno-Sonderbeauftragte für Sport, wird nicht müde, diesen Satz gebetsmühlenartig zu wiederholen. Auf Paintball angewendet scheint das Motto keine Gültigkeit zu besitzen: Der Sport mit den Farbkugeln spaltet die Eidgenossen in zwei Lager. Die Einen sehen darin ein bedenkliches Hobby-Kriegsspiel, die Anderen betrachten Paintball als spassigen Freizeitsport. Daniel Gut gehört definitiv zu letzteren. Seit Mai dieses Jahres betreibt er im idyllischen Desibach bei Buch am Irchel den Verleih «Paintballgame Wyland». Mit der geliehenen Ausrüstung darf im Wald gespielt werden. Die Hysterie um Paintball versteht er nicht. Für ihn ist es nicht gewaltverherrlichender als Fechten: «Da geht es ja darum, dem anderen den Todesstoss zu versetzen», erklärt er. Seine Sicht auf den umstrittenen Zeitvertrieb unterstreicht er mit der Namensgebung seiner Homepage «www.paintballgame.ch».
Sicherheit geht vor
Das Angebot von Daniel Gut nutzen vor allem Vereine, Cliquen und Firmen. «Die meisten spielen hier zum ersten Mal Paintball», sagt er. Umfassende Vorkehrungen sollen für die Sicherheit der Amateure sorgen. Deshalb beinhaltet die Leihausrüstung eine Schutzmaske, für Frauen wurden sogar Brustpanzer zugelegt. Auch beim «Markierer», mit dem die Munition (mit Lebensmittelfarbe gefüllte Gelatinekugeln) abgefeuert wird, wurden Vorkehrungen getroffen. Ist der «Markierer» nicht entsichert, kann kein Schuss fallen. Abseits des Spielfelds wird der Lauf zusätzlich mit einer Plastikkappe verschlossen. Mit solchen Schutzvorkehrungen traut sich selbst der Schreiberling ins Getümmel.
Schon wieder getroffen!
Daniel Gut erklärt die Regeln. Es wird auf dem 70 x 100 Meter grossen Speedballfeld gespielt. In der Mitte des Waldstücks wird eine rote Fahne angebracht, die es zu erobern gilt. Zwei Viererteams treten gegeneinander an. Sie starten an den gegenüberliegenden Seiten des Spielfeldes. Wer getroffen wird, hebt die Hand und verlässt das Spielfeld. «Get ready for ten seconds», ruft Daniel Gut. Zehn Sekunden später eilt mein Team durch den Wald in Richtung Fahne. Rennen, ducken, beobachten, feuern. Auf diese Weise arbeitet man sich von Deckung zu Deckung vor. Nach wenigen Metern knallt eine Gelatinekugel an meine Maske. Mit erhobenen Händen gehts wieder zurück zur Ausgangsposition. Nach einigen ähnlichen Durchläufen ist klar: Beim Paintball geht es nicht um planloses Geballer, sondern um Taktik und Teamarbeit. Erst durch Zusammenarbeit mit den Teampartnern gelingt mir ein Weiterkommen zur nächsten Deckung. Das eigentliche Ziel, die Fahne zu erobern, bleibt in weiter Ferne. Adrenalin und Spass hingegen nicht.
Game over
Nach Spielende muss ich mich erklären. Meine nie absolvierte RS hält als Entschuldigung für meine schwache Leistung hin. Die Überraschung folgt sogleich: Kaum einer der Anwesenden hat eine RS absolviert. Von Möchtegern-Rambos keine Spur. Zeit für Daniel Gut, sich zu verabschieden. Er hat sich mit seiner Freundin zum Abendessen verabredet. Die anderen sitzen bei einem Lagerfeuer zusammen, trinken ein Bier, lachen und plaudern in gemütlicher Runde. «Sport kann Menschen zusammenbringen», hat Adolf Ogi gesagt.